Vom Jetzt und Morgen

Gesagt – getan, gesagt – gelassen,
gesagt – vergessen, „Hoch die Tassen!“
Ein Mann, ein Wort – lang ist es her –
und niemand schämt sich mehr.

Verkauft, verraten, umgebogen,
die eigne Lüge weggelogen.
Was ist noch Wahrheit, weiß es wer? –
und niemand schämt sich mehr.

Den Hund zum Wurm, Esel zum Gott,
Millionen tragen den Komplott.
Mein rechterrechter Platz ist leer –
und niemand schämt sich mehr.

Scharadenwelt, und jeder weiß es.
Ein jeder will‘s, weil‘s heißer Scheiß ist.
Die Augen voll, die Köpfe leer –
und niemand schämt sich mehr.

Zukunft egal, was zählt, ist jetzt,
Haltung hinfort, durch Glanz ersetzt,
Der Schein, er trügt, doch schert sich wer? –
nö, niemand schämt sich mehr.

Kinder, Enkel, Enkelskinder?
Die Herzen blind, der Kompass blinder.
„Noch einmal Vollgas, bitte sehr!“ –
und niemand schämt sich mehr.

Alte vergessen, wer sie waren,
Junge, zu jung schon festgefahren,
rennen den Blendern hinterher –
und niemand schämt sich mehr.

Mein Jetzt, mein Platz, mein ETF.
Du irgendwer, ich Bubble-Chef.
Die Lüge klebt am Bild wie Teer –
und niemand schämt sich mehr.

Ichich, ichich, ichich, ichich.
Nicht du, nicht du und du auch nicht.
Ichich allein, nicht sie, nicht er –
und niemand schämt sich mehr.

Moral verkauft, verhurt, verraten,
Für hohe Mauern, Kaktusgarten.
Schande und Schuld, sie wiegen schwer –
doch niemand schämt sich mehr

 

Ja, so sieht es aus. Die Welt ist ganz schön am Arsch. Doch wie konnte es nur so weit kommen? Warum schämt sich eigentlich niemand mehr? Was ist da passiert?

 

Die Scham, sie ging, als Hochmut kam,
sich Dreistigkeit das Zepter nahm,
bestimmte, was wann wie gewesen,
wie dies zu deuten, das zu lesen,
Als Frechheit, Feigheit, Impertinenz
Zum Helden machten jeden Stenz,
Als Dummheit, Nacktheit, stumpfes Spiel
sich selbst und anderen gefiel,
Chuzpe und Mammon, Hand in Hand,
zum allerhöchsten Gut benannt.
Als Nichtigkeiten wichtig wurden,
Vernunft bezwungen vom Absurden.
Als jeder plötzlich alles wusste,
sich mitteilen und glänzen musste.
Als wir nur schauten, schwiegen, staunten,
uns nicht empörten, nur noch raunten.
Als Logik dann den Verstand verlor,
Mitmenschlichkeit durch Neid gefror.
Als Anmaßung zu Recht erklärt
und Haltung der Respekt verwehrt.
Als Toleranz sich so tief bückte,
bis Dummheit Geisteskraft erdrückte,
Vereinzelung uns alles nahm:
Persönlichkeit, Moral und Scham.

 

Puh, hart. Und jetzt? Was machen wir denn jetzt?

 

Nun harren wir, sind, wo wir sind.
Geschockt, gelähmt, auch tränenblind.
Zweifeln an allem, was wir wissen.
Der Lebensplan scheint uns entrissen.
Hinter uns Sonne, vor uns Staub,
die Ohren vom Getöse taub.
Die Augen glanzlos und geweitet,
suchen wir jemand‘, der uns leitet,
von dem wir an die Hand genommen:
Surprise, Surprise: Er wird nicht kommen.

Kein Retter kommt – doch glaube mir:
Die Kraft, zu retten, ist in dir.
DU kannst dir selbst der Retter sein –
ohn‘ Umhang oder Heilgenschein.
Die Weltwaage ins Lot zu bringen,
ein letzter Schuss, es kann gelingen:

Halte dich fern von Badly News,
von Doomscrolling und Weltschmerzblues.
Erkenne, wann du Ware bist,
wann Instrument, wann Konsumist.
Halt dich nicht auf mit der Scharade,
mit Likes für Dubai-Schokolade,
mit Herzchen, Pfeilchen, Kommentaren,
mit Tanzvideos und Promi-Paaren.
Mit Postings für die gute Sache,
vertane Zeit, Good-Feeling-Mache.
Red‘ nicht mit Bots und Populisten,
Moralverächtern, Hirn-Terroristen.
Ihr Ziel sind Zweifel, Zaudern, Schwächen,
woll‘n dich zermürben, woll‘n dich brechen.
Du brauchst sie nicht, lass sie zurück,
auf ihren Hass gib einen Fick.
Vergiss die, die dein Wort verdrehen
und Freunde, die du nie gesehen.
Geh raus aus X, Insta, FB,
raus auch aus TikTok – Tu es! Geh!
Lösch den Account, beginn zu leben,
statt unentwegt am Screen zu kleben.
Lasse nicht länger Zeit dir stehlen,
nicht achtlos sei – wage zu wählen1

 

Ich kann dich denken hören: „Was? Insta löschen? Raus aus X? Aus youtube auch? Aber…aber… aber ich hab doch 80.000 Follower, ich bin doch Influencer, ich verdiene Geld damit!“ Aha. Du bist also ‘ne große Nummer im Netz. Na, herzlichen Glückwunsch.

 

Ein Nichts bist du, dich gibt es nicht,
dass was du darstellst: ein Gerücht.
Nur Rauch und Nebel, Illusion,
ein Geist, ein Spuk, ein Klon vom Klon.
Willst du mir sagen, das wärst du?
Du da im Netz, mit Schmink und Schmu?
Spielst eine Show, verkaufst nen Bluff,
außen perfekt und innen schlaff.
Grinst in die Linse, falsch, gestellt,
zeigst dich als Mann und Frau von Welt.
Fotografierst Essen, Kleider, Schuhe,
hast kein Gefühl mehr, keine Ruhe.
Musst immer liefern, immer machen,
auf Knopfdruck heulen oder lachen.
Dein Selbstwert hängt allein daran,
dass wer beim Kacken swipen kann.
Du machst dich klein, verkaufst dich billig.
„Ein bisschen Fame? Her damit, will ich!“
Was hat der ganze Scheiß gebracht?
Hat er dich glücklicher gemacht?
Bist du erfüllt und ausgeglichen?
Sind Zweifel Eigenstolz gewichen?
Kehr‘n sie nicht umgehend zurück,
sobald der Algorithmus zwickt?

Und du, der andere influenced,
im Penthouse wohnst, auf Bali pennst.
Verbiegst dich für dein Publikum,
lügst für Moneten, machst dich krumm.
Buckelst vor Chefs und Agenturen,
für teure Reisen, gold‘ne Uhren.
Deine Gedanken sind nicht deine,
du sprichst nur für Applaus und Scheine.
Nichts machst du selbst, entscheidest gar nichts,
tanzt nach der Pfeife, schiebst sonst Panik.
Sanfter Betrug, das ist dein Ding:
„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“
Ego, genährt von kalten Zahlen,
sind sie zu klein – Oh, Höllenqualen!
Alter, die Welt brennt lichterloh!
Und was machst du? Die Zündler froh!
Säufst ihr Benzin, hältst ihre Fackel,
machst dich Narren, Diener, Dackel.
Es kommt der Tag, da ist’s vorbei,
Game Over – und du einerlei.
Und was kommt dann? Was füllt die Leere?
Was schenkt dir Trost, verdrängt die Schwere?
Was bleibt von dir und deinem Treiben,
wenn all die Apps mal dunkel bleiben?

 

Okayokay – aber was, fragst du, ist denn die Alternative? Wenn man sich von den sogenannten Sozialen Medien entwöhnt, einen Cut macht und alles hinter sich lässt? Was kann man denn tun, um irgendwie doch etwas Sinnvolles und Gutes beizutragen zu dieser Welt, die grad niedergeht? Kann man überhaupt etwas tun? Ist nicht jeder von uns nur ein kleines Rädchen?

 

Sei, wo du lange nicht gewesen,
atme bewusst, beginn zu lesen,
nimm Kunst auf, Malerei, Musik,
sei wach und offen, übe Kritik.
Triff die Familie, Freunde, Fremde,
geh wieder raus, bemale Wände.
Gestalte Alltag, Zukunft, Leben,
sei herzlich, nah, lerne zu geben.
Hör zu, nimm auf, verstehe, denke,
triff die Entscheidung, handle und lenke!
Genug berieselt und gepennt:
Sei klar, verbindlich, konsequent!
Sei mutig, sei dein eigner Held!
Sei gern zur Stelle, wenn wer fällt.
Hilf Schwäch‘ren, Ärm‘ren, Fremden auch,
hör auf dein Herz, hör auf den Bauch.
Schenk Andren Zeit, Gehör, Geduld,
suche nach Brücken, statt nach Schuld.
Und merke, wenn du an dir feilst:
dein Glück, es wächst, wenn du es teilst.
Denk stets dran, wenn ein Tag beginnt,
dass auch die deine Zeit verrinnt,
dass du, wenn einst hinfort du schwebst,
in Herzen andrer weiterlebst.
Drum klopf dort an, erobre sie,
sei Leitstern, Vorbild, Poesie,
dass von dir mehr bleibt, immer da,
als Datensatz und Avatar.

Voll Liebe sei, sag stetig dir:
Der Menschheit Heil, es liegt im Wir.
So halt Respekt und Träume fest.
Sei ganz ein Mensch – und bleibe es.

©keimreim