Weiß du noch, in Kindertagen,
als alle Sorgen ferne lagen.
Als alles bunt war, spannend, lecker,
dein Lieblingsort: der Zuckerbäcker.
In Abenteuer du dich warfst,
zum Spielen täglich Freunde trafst.
Du voller Modder warst und Glitter,
durch Pfützen sprangst (liebtest Gewitter).
Deine Gedanken sich nur drehten,
um Puppen, Flitzer, Kinderfeten.
Als du voll Neugier warst und Lachen,
wollt‘st immer bauen, basteln, machen.
Konntest den Morgen kaum erwarten,
liebtest den Bolzplatz, Omas Garten,
das Meer, den Wald, Regen und Schnee –
heute wählst du AfD.
Und weißt du noch, als Teenie dann,
als deine Pubertät begann.
Als deinen Körper du entdeckst,
du immer häufiger anecktest,
mit eignem Willen und Gedanken,
kanntest kein „geht nicht“, keine Schranken,
Wolltest erfahren, was die Welt,
bereit für deine Jugend hält.
Die erste Liebe, erster Kuss,
der erste Anfang, erster Schluss.
Warst voller Aufruhr, Emotionen,
träumtest davon, allein zu wohnen.
Wollt’st lösen dich vom Schoß der Eltern,
zu viel ihr Drängen, Fordern, Scheltern.
Frei wollt’st du sein! Herrjemine! –
und heute wählst du AfD.
Als Twentysomething, weißt du’s noch?
Der Himmel weit, die Nase hoch.
Die Welt, sie lag zu deinen Füßen,
du gingst hinaus, um sie zu grüßen.
Um aufzusaugen alles Leben,
alles erfahren, alles geben.
Umringt von Fremden, Deinesgleichen,
machtest du Pläne, stelltest Weichen.
Als Liebe du erfahrn und Schmerzen,
geteiltes Glück, gebroch‘ne Herzen.
Also du nicht aufgabst deinen Traum,
vom Plätzchen unterm Weidenbau,
Von deiner Tat, die was bedeutet,
die eine neue Zeit einläutet,
trieben dich Neugier und Fernweh –
und heute wählst du AfD.
Und weißt du noch, als längst erwachsen
du dann schon warst, doch deine Flachsen
du dir nicht nehmen ließt, sie pflegtest,
du Spaß und Heiterkeit erregtest.
Menschen an deinen Lippen hingen,
Freunde für dich durchs Feuer gingen.
Als du geschätzt warst für dein Können,
du und dein Job – nur schwer zu trennen.
Als du noch branntest für Ideen,
fürs Zuhör‘n, Lernen und Verstehen.
Als du das Leitbild deiner Kinder,
Vermittler, Helfer, Lösungsfinder.
Als du in deines Lebens Mitte
hieltest noch hoch Moral und Sitte.
Versöhnlich warst, wie eh und je –
und heute wählst du AfD.
Was ist geschehen, was passiert,
hat dich getroffen, irritiert?
Wohin sind Neugier und das Lachen?
Arme verschränkt, lässt andre machen.
Bist bitter, zornig und verdrossen,
hast mit dem Träumen abgeschlossen.
Zeigst stets auf andre, „Die sind schuld!“,
für ihre Sicht fehlt dir Geduld.
Die Welt, wie sie dir lange gut,
scheint ausgelöscht – fehlt dir nun Mut,
die neue Welt dir zu entdecken?
Lebst heut dafür, nur anzuecken.
Bist trotzig, rechthaberisch und hart,
siehst alles nur nach deine Art.
Das Ungefragtsein tut dir weh –
wählst du nicht deshalb AfD?
Wie wär’s, du weckst dein altes Ich,
holst aus dem Dunkel es ins Licht?
Wie wär’s, du lässt was Neues zu,
vergisst das „Sie“ und setzt aufs Du.
Wie wär’s, du legst den Schalter um,
öffnest den Blick und scherst dich drum,
wie’s andren geht und ihren Lieben,
ob hier zu Haus, hier her vertrieben.
Wie wär‘s, du fragtest selbst dich dann,
ob man auch anders sehen kann,
das, was heut deine Meinung prägt,
was dich erzürnt und dich erregt.
Wie wär’s, du ließest kurz nur zu,
die Vorstellungen, dass doch nicht du,
sondern wohl andre richtig liegen,
wär das womöglich hinzukriegen?
Wie wär‘s denn ohne Angst vor Neuem?
Wie mit erschaffen, statt bereuen.
Wie wär’s, du fändest noch zurück,
zu deinem Wesen, deinem Glück.
Zu dem, was dich einst definierte,
bevor der Groll dein Bild verschmierte.
Sei wer du warst, du bist okay –
und dann vergiss die AfD.
©keimreim